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Wie ich einen Energie-Atlas für Deutschland gebaut habe — in einer Woche

Jan Koch
Jan Koch
KI Experte & Berater
6 Min.

Baden-Württemberg hat einen Energie-Atlas. Interaktiv, gepflegt, nutzbar. Der Rest von Deutschland? Fehlanzeige.

Ich hab das lange ignoriert. Bis ich verstanden habe, was das wirklich bedeutet: Wer in Deutschland wissen will, ob eine bestimmte Region Repowering-Potenzial hat — ob also alte Windkraftanlagen durch leistungsstärkere ersetzt werden könnten — der muss sich die Daten aus fünf verschiedenen Portalen zusammenklauben. Manuell. Inkonsistent. Zeitaufwändig.

Das ist kein akademisches Problem. Das ist ein echtes Hindernis für die Energiewende.

Ich hab eine Woche genommen und das gebaut. Hier ist, was dabei rausgekommen ist — und was ich dabei über Energiedaten, Lizenzen und den Zustand der deutschen Datenwelt gelernt habe.

Das eigentliche Problem: Daten gibt es. Nur nicht zusammen.

Stell dir vor, du bist Projektentwickler für Windkraft. Du willst wissen: Welche Anlagen in Niedersachsen haben ihr EEG-Förderungsende bereits überschritten? Welche laufen in den nächsten zwei Jahren aus? Wo sind die Windgeschwindigkeiten gut genug, um den Standort weiter zu betreiben — oder zu repowern?

Hier ist, was du heute machst:

  • Du gehst ins Marktstammdatenregister (MaStR) der Bundesnetzagentur. Riesige Datenbank. Gut gepflegt. Aber du bekommst eine CSV mit Millionen Zeilen und musst selbst filtern.
  • Du gehst zu SMARD für aktuelle Einspeisedaten. Andere Oberfläche, anderes Format.
  • Du willst Windgeschwindigkeitsdaten? Das ist der GWA3 Windatlas — ein Rasterdatensatz, den du erst mit den MaStR-Koordinaten verschneiden musst.
  • Netzengpässe? Netztransparenz.eu. Wieder ein eigenes Portal.
  • Europäische Übersicht? ENTSO-E. Mit eigenen Lizenzbedingungen, die kommerzielle Nutzung faktisch verbieten.

Niemand bringt das zusammen. Es gibt kein einziges Tool, das dir sagt: "In dieser Region gibt es 47 Anlagen, deren EEG ausläuft, der Wind weht dort mit durchschnittlich 6,8 m/s auf 100m Höhe, und es gibt aktuell keine nennenswerten Netzengpässe."

Das kostet die Energiewende echte Investitionen, weil Entscheidungen länger dauern als sie müssten.

Was ich gebaut habe — im Detail

Architektur des Windkraft-Atlas mit vier öffentlichen Datenquellen
Architektur: Vier öffentliche Datenquellen, eine interaktive Karte

Lass mich konkret sein. Das ist kein MVP-Sketch. Das sind echte Daten, die live laufen.

40.500 Windkraftanlagen aus dem MaStR

Das Marktstammdatenregister ist Pflicht für alle Energieanlagen in Deutschland. Für jede Anlage sind folgende Felder im System:

  • Standort: Latitude/Longitude (auf der Karte plottbar)
  • Leistung: Nennleistung in kW
  • Nabenhöhe und Rotordurchmesser in Metern
  • Hersteller: Vestas, Enercon, Nordex, Siemens Gamesa, etc.
  • EEG-Förderungsende: Das entscheidende Feld

Das EEG-Förderungsende ist der Kern der ganzen Sache. Anlagen, deren 20-jährige Förderung ausläuft, müssen entweder repowert werden, ans Direktvermarktungsmodell übergehen, oder stillgelegt werden. Bisher war das nirgendwo auf einer Karte sichtbar.

Im Atlas sind diese Anlagen farbcodiert: Rot = EEG abgelaufen, Orange = läuft in <1 Jahr ab, Gelb = <3 Jahre, Grün = 4–7 Jahre, Dunkelgrün = 8+ Jahre Restlaufzeit.

Live-Daten aus SMARD

SMARD ist das Transparenzportal der Bundesnetzagentur. Ich rufe dort live ab:

  • Windeinspeisung onshore und offshore — mit 15-Minuten-Auflösung
  • Day-Ahead-Strompreis vom EPEX-Spot

Du siehst nicht nur, wo Anlagen stehen — du siehst auch, was der Wind gerade tut und was der Strom gerade kostet.

GWA3 Windatlas: Windgeschwindigkeit je Turbine

Der Global Wind Atlas liefert mittlere Windgeschwindigkeiten als Rasterdaten. Ich hab das vorberechnet: Für jede der 40.500 Anlagen ist die mittlere Windgeschwindigkeit auf 100m Höhe bereits in der Datenbank hinterlegt.

396 konventionelle Kraftwerke

Zum Kontext hab ich die konventionellen Kraftwerke aus dem Open Power System Data (OPSD)-Datensatz eingebunden — 396 Kraftwerke: Erdgas, Steinkohle, Braunkohle, Öl, Müll, Sonstige. Das zeigt, wo noch Grundlastkraftwerke laufen und wie die Energiewende geografisch voranschreitet.

Filter — seit dieser Woche neu

Diese Woche kamen die Filter als Chip-Dropdowns dazu — schnell, kombinierbar:

  • Bundesland, Hersteller, Leistung (kW), Baujahr, Nabenhöhe (5–300m)

Datenlizenz-Deep-Dive: Der Teil, den die meisten überspringen

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Lizenz-Übersicht der wichtigsten Energiedaten-Quellen in Deutschland
Lizenz-Übersicht: Nicht alle Energiedaten sind kommerziell nutzbar

Bevor ich eine Zeile Code geschrieben habe, hab ich einen Tag mit Lizenzen verbracht. Das klingt langweilig. Ist aber der Unterschied zwischen einem soliden Produkt und einem, das du irgendwann abschalten musst.

SMARD — CC BY 4.0: Der Goldstandard

SMARD-Daten stehen unter Creative Commons Attribution 4.0 International. Das bedeutet: Teilen und Anpassen erlaubt, auch kommerziell — einzige Bedingung ist die Quellenangabe. So sollte Datenbereitstellung von Behörden aussehen.

ENTSO-E — Restriktiv

Die europäischen Übertragungsnetzbetreiber haben wertvolle Daten: grenzüberschreitende Lastflüsse, europäische Erzeugungs-Mixes. Aber die Nutzungsbedingungen verbieten explizit kommerzielle Nutzung ohne Genehmigung. Ich hab ENTSO-E rausgelassen. Auf einem Fundament mit rechtlichen Rissen baut man nicht.

Netztransparenz.eu — Anfrage läuft

Die API der deutschen Übertragungsnetzbetreiber würde Redispatch-Maßnahmen und Regelenergie-Daten liefern. Ich hab eine formelle Lizenzanfrage gestellt. Bis die beantwortet ist, kommt die Quelle nicht rein.

Fraunhofer ISE / Energy-Charts — kommt als nächstes

Energy-Charts liefert granulare Stromerzeugungsdaten nach Technologie, ebenfalls unter CC BY 4.0. Das wird als nächstes eingebaut — dann sieht man live, wie viel Prozent des aktuellen Stroms aus Wind, Solar, Biomasse, Gas kommt.

Mein Fazit: Der Tag Lizenzrecherche war einer der wertvollsten der ganzen Woche. Wer das überspringt, baut auf Sand.

Warum das wichtig ist — echte Konsequenzen

6.400+ Anlagen mit abgelaufener EEG-Förderung

Über 6.400 Windkraftanlagen in Deutschland haben ihre 20-jährige EEG-Förderung bereits überschritten. Sie laufen weiter — oder nicht. Werden repowert — oder nicht. Diese Entscheidungen passieren gerade, vielfach ohne gute Datenbasis.

Ein Projektentwickler, der bisher eine Woche gebraucht hat, um Repowering-Kandidaten in einer Region zu identifizieren, kann das jetzt in zehn Minuten tun.

Batteriespeicher-Standortwahl

Wer einen großen Batteriespeicher planen will, braucht zwei Informationen gleichzeitig: Wo ist viel Windstromeinspeisung? Und wo gibt es Netzengpässe? Genau dort ist ein Batteriespeicher am wertvollsten — er nimmt Überschussstrom auf, wenn Leitungen überlastet sind, und gibt ihn ab, wenn die Last wieder sinkt. Sobald Netztransparenz-Daten reinkommen, ist genau das auswertbar.

Was BW hat — und was Deutschland hat

Der BW-Energie-Atlas zeigt PV-Potenziale auf Dachflächen, Windkraftplanungsgebiete, Biomassestandorte — nutzbar für Kommunen, Planer und Bürger. Warum gibt es das nicht auf Bundesebene? Nicht eine Frage von Technologie. Eine Frage von Willen — und von Menschen, die anfangen, es einfach zu bauen.

Was als nächstes kommt

  • Energy-Charts Integration: Live-Strommix nach Technologie direkt im Atlas
  • PV-Anlagen aus MaStR: ~3 Millionen Solaranlagen mit Leistung und EEG-Status
  • §77 EEG Vergütungsdaten: Was zahlt der Netzbetreiber aktuell für eingespeisten Strom?
  • Batterie-Standort-Score: Automatische Bewertung von Regionen nach Speicherpotenzial
  • Investment-Tool: Einfache Auswertung für Investoren — welche Standorte sind wirtschaftlich interessant?

Die Netztransparenz-Lizenzen warten. Sobald die kommen, gibt es den Netzengpass-Layer.

Der Atlas ist kein fertiges Produkt. Er ist ein laufendes Experiment in der Frage: Was passiert, wenn man öffentliche Energiedaten zusammenbringt und für alle nutzbar macht?

Schau selbst rein und sag mir, was fehlt: windkraft.jankoch.co

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WindkraftEnergiewendeMaStRSMARDOpen DataBuilding in Public

Über den Autor

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KI Experte, Berater und Entwickler. Ich helfe Unternehmern und Entwicklern, KI effektiv einzusetzen - von der Strategie bis zur Implementierung.

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